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Flexible Arbeitszeitmodelle werden mehr

EU-weit: Trend zu atypischen Zeiten

Immer mehr Beschäftigte sind am Wochenende, im Schichtdienst oder nachts tätig und per Smartphone auch in der Freizeit für Dienstliches erreichbar. Gleichzeitig würden viele gern stärker selbst über ihre Arbeitszeiten bestimmen, um Beruf und Privatleben besser unter einen Hut zu bekommen. Wie erreicht man beim Thema Arbeitszeit einen fairen Ausgleich, damit sich im Konfliktfall nicht immer der Chef durchsetzt? Der Sozialwissenschaftler Roland Schneider hat im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung beispielhaft für den Dienstleistungssektor untersucht, wie Gewerkschaften mit dieser Entwicklung umgehen und welche Möglichkeiten die Tarifpolitik bietet. Dafür hat er Dienstleistungsgewerkschaften aus 15 europäischen Ländern befragt und darüber hinaus Tarifverträge sowie Daten der EU ausgewertet.

An der Dauer von Arbeitszeiten hat sich der Studie zufolge zuletzt wenig geändert: 2017 haben Beschäftigte im EU-Schnitt 36,3 Stunden pro Woche gearbeitet. Das sind zwar 30 Minuten weniger als 2008. Der Grund dafür ist allerdings in erster Linie eine gestiegene Teilzeitquote, vor allem bei den Frauen. Vollzeitbeschäftigte Männer kommen durchschnittlich nach wie vor auf 40,9 Wochenstunden.

Anders als bei der Dauer zeichnen sich bei der Lage und Verteilung von Arbeitszeiten deutliche Veränderungen ab. Europaweit gebe es einen „Trend zu atypischen Arbeitszeiten“, schreibt Schneider. Eine „hohe Regelmäßigkeit“ mit gleichbleibender Stundenzahl, fixem Beginn und Ende galt 2015 nur noch für 43 Prozent der Beschäftigten in der EU, drei Prozentpunkte weniger als zehn Jahre zuvor. 2010 mussten 17 Prozent Schichtdienst verrichten, 2015 waren es bereits 21 Prozent. An Samstagen arbeitet etwa in Deutschland mittlerweile ein Fünftel der Beschäftigten regelmäßig, an Sonn- und Feiertagen fast ein Viertel.

Dabei verschwimme die Grenze zwischen Beruf und Privatleben zunehmend, so der Experte. 22 Prozent der Arbeitnehmer in der EU müssen mehrmals im Monat in der Freizeit für den Job aktiv werden, zwei Prozent tun das täglich. In Deutschland fielen 2016 insgesamt 829 Millionen Überstunden an, 493 Millionen davon waren unbezahlt. Der Anteil der Beschäftigten, die sehr häufig oder oft außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sein mussten, stieg zwischen 2011 und 2017 von 27 auf 56 Prozent.

Viele Unternehmen fassen Flexibilität dabei ziemlich einseitig auf: Im Mittelpunkt stehen laut Schneiders Analyse betriebliche Zwänge, während die Bedürfnisse der Beschäftigten eher eine untergeordnete Rolle spielen. So können EU-weit nur 16 Prozent von ihnen ihre Arbeitszeit selbst bestimmen. Bei den Gewerkschaften steht der Konflikt zwischen den Flex­ibilisierungsstrategien der Unternehmen und dem Wunsch der Beschäftigten nach selbstbestimmten Arbeitszeiten weit oben auf der Agenda: Im Fokus der Arbeitszeitpolitik stünden seit geraumer Zeit statt kollektiver Verkürzung Forderungen nach mehr Mitsprache und Gestaltungsmöglichkeiten, so der Autor. Das Ziel seien Regelungen, die den Beschäftigten mehr Spielraum lassen für Kinder, Pflege, Weiterbildung, Auszeiten, einen gleitenden oder früheren Übergang in Rente.

 

Quelle: Roland Schneider: Innovative Arbeitszeitpolitik im Dienstleistungssektor, Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 91, September 2018

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