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Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Partizipation

Autor: Regine Rundnagel, Anita Liebholz

Übersicht  

  • Partizipation bietet Unternehmen und Mitarbeiter/-innen Vorteile.
  • Betriebe, die erfolgreich mehr Partizipation entwickeln wollen, benötigen dafür bestimmte Rahmenbedingungen.
  • Die jeweiligen betrieblichen Bedingungen bestimmen die Handlungsschritte in einem Partizipationsprozess.
  • Themen, Ausmaß und Formen der Beteiligung von Mitarbeiter-/innen werden dabei geklärt.
  • Unternehmen, die für mehr Beteiligung der Beschäftigten sorgen, können auf eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz verweisen.

Partizipation findet überall statt, wo sich Menschen in sozialen Zusammenhängen organisieren. Denn dabei sind Entscheidungsprozesse notwendig, an deren Verlauf und Ergebnissen sie jeweils mehr oder weniger beteiligt sind. In diesem Sinne meint Partizipation übertragen auf Unternehmen die Beteiligung von betroffenen Mitarbeiter/-innen an Entscheidungen und Prozessen.

Davon zu unterscheiden ist die indirekte Beteiligung durch gewählte Repräsentanten, wie Betriebsräte oder Teamleiter/-innen. Der hier angesprochene Aspekt der Partizipation zielt vielmehr auf die direkte und aktive Beteiligung ab. Von einer solchen partizipativen Unternehmenskultur können sowohl Beschäftigte als auch Betriebe profitieren.

Zum Nutzen von Partizipation

Mit zunehmender Beteiligung steigt die Identifikation der Mitarbeiter/-innen mit dem Unternehmen und deren Arbeitszufriedenheit. Dies wirkt sich auch ökonomisch positiv aus. Fehlzeiten und Fluktuation können abnehmen. Zu beobachten sind zudem produktivitätssteigernde Wirkungen sowie Qualitätsgewinne bei Produkten und Entscheidungsprozessen. Neue Forschungsergebnisse bestätigen den Zusammenhang zwischen Produktivitätsgewinn und partizipativen Arbeitsformen, allerdings insbesondere für Betriebe mit einem Betriebsrat. Dieser trägt dazu bei, vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen zwischen Management und Belegschaft aufzubauen.

Unter solchen Voraussetzungen fördert Partizipation die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, ermöglicht dem einzelnen mehr Handlungsspielräume, verbessert die innerbetriebliche Kommunikation sowie das Betriebsklima und stärkt den sozialen Rückhalt. Hohe Arbeitsanforderungen lassen sich damit besser bewältigen.

Partizipative Arbeitsformen sind das Kernstück neuer Organisations- und Managementkonzepte und zielen auf die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Hierzu zählen Teamarbeit, dezentrale Entscheidungsstrukturen, flache Hierarchien oder ergebnisorientierte Führung.

Kundenzufriedenheit steigt

Wenn durch Partizipation die Erfahrungen und Bedürfnisse der Beschäftigten besser genutzt werden, fördert das die Kundenorientierung. Die Dienstleistung kann wesentlich flexibler auf Kundenwünsche zugeschnitten werden. Damit erhöht sich die Kundenzufriedenheit.
Partizipationskultur im Test  Mit einem Fragebogen zur Partizipation lassen sich zum einen die aktuell vorhandene Partizipation und zum anderen die Veränderungswünsche der Mitarbeiter/-innen erfassen. Die aus solch einer Befragung gewonnenen Ergebnisse sind für internes sowie wettbewerborientiertes Benchmarking geeignet. Sie erlauben auch die Ableitung unternehmensspezifischer Organisationsentwicklungsmaßnahmen.

Das Ausmaß von Partizipation ist gestaltbar

Partizipation von Mitarbeiter/-innen lässt sich in unterschiedlichem Ausmaß gestalten. Je nach vorhandener Betriebskultur kann eine Entwicklung schrittweise geschehen.

Stufen des Ausmaßes der Einbindung von Beschäftigten:

  • Sie werden vorab informiert.
  • Es wird ihre Meinung gehört und sie fließt in die Entscheidung ein.
  • Sie können Veränderungen erzwingen.
  • Sie sind selbst an der Entscheidung beteiligt.
  • Sie treffen die Entscheidung autonom.

Ohne Vorabinformation bei Entscheidungen kann man nicht von einer Partizipation von Mitarbeiter/-innen sprechen.

Bild 1: Stufen der Partizipation. (Quelle: Arbeitsgemeinschaft Partizipation)

Schritte zu mehr Partizipation im Betrieb

Wenn sich ein Unternehmen entschließt, die Beschäftigten stärker zu beteiligen, empfiehlt es sich, dazu Absprachen zu treffen und bestimmte Handlungsschritte einzuschlagen. Es müssen Voraussetzungen geschaffen werden, damit das Vorhaben erfolgreich gelingt. Große Bedeutung haben dabei die Qualifizierung der Beteiligten und die Absicherung des Handlungsrahmens z. B. zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung. Es müssen ebenso Entscheidungen über Ziele, Inhalte bzw. Gegenstände der Partizipation, über die Formen und Methoden des Vorgehens und über das Ausmaß der Partizipation getroffen werden.



Bild 2: Gestaltungsbereiche von Partiziption. (Quelle: Arbeitsgemeinschaft Partizipation)

Partizipation kann ganz unterschiedlich organisiert werden, sie kann stattfinden innerhalb eines kleinen Projektes mit Budgetrahmen, durch die Einführung von Teamarbeit oder durch die Beteiligung von Beschäftigten an der ergonomischen Gestaltung ihrer Arbeitsplätze während einer Gefährdungsbeurteilung.

Die 7 grundlegenden Schritte zu mehr Partizipation:
Beispiel Beschaffung Arbeitsmittel

1. Schritt Das Umfeld schaffen: Entscheidung über das Ausmaß und die Formen der Partizipation von Beschäftigten bei der Beschaffung
2. Schritt Den zeitlichen und ökonomischen Rahmen für geplante Beschaffung festlegen
3. Schritt Bewertungskriterien ermitteln
4. Schritt Produkt auswählen
5. Schritt Tests durchführen
6. Schritt  Entscheiden
7. Schritt In der Praxis überprüfen
 

Partizipation kann in allen der 7 Schritten stattfinden. Die Unternehmensleitung muss festlegen, ab welchem Schritt Beschäftigte beteiligt werden und in welcher Form. Die systematische Abfolge des Auswahl- und Entscheidungsprozesses für Beschaffung oder andere Maßnahmen in 7 Schritten schafft die Grundlage für das gezielte Einbeziehen von Betroffenen. Der Betriebsrat sollte bei der Entwicklung eines solchen partizipativen Verfahrens dabei sein.

Durch Partizipation zur lernenden Organisation

Erfahrungen u. a. aus dem Qualitätsmanagement zeigen, dass sich für den Unternehmenserfolg die Installation eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses lohnt. Die damit im Zusammenhang stehenden Aufwände sind in der Regel günstiger als mit großem Aufwand durchgeführte Reorganisationen. Insofern ist Partizipation ein Schritt in Richtung „lernende Organisation“.

Präventiver Arbeitsschutz erfordert Partizipation

Das beschriebene Vorgehen erfüllt die Anforderungen des Arbeitsschutzgesetzes. Beschäftigen wird eine aktive Rolle im betrieblichen Gestaltungsprozess zugewiesen. Sie müssen tätigkeitsbezogen qualifiziert werden, damit sie selbstverantwortlich zu gesunden und sicheren Arbeitsbedingungen beitragen können.

Auch wenn das Arbeitsschutzgesetz Partizipation nicht explizit benennt, so ist Beteiligung doch sachlich notwendig, wenn es um die Beurteilung psychischer Belastungen oder Befindlichkeitsstörungen geht, um die Akzeptanz persönlicher Arbeitsmittel oder um die Akzeptanz von verhaltensbezogener Prävention.

Was kostet die Beteiligung?

Partizipation erzeugt vor allem Personalkosten, da dafür Arbeitszeit notwendig ist. Doch die Kosten-Nutzen Bilanz kann sich sehen lassen.

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen  

Gesetze und Verordnungen
  • Arbeitsschutzgesetz (ArbschG)
    • § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers
    • § 4 Allgemeine Grundsätze
    • § 12 Unterweisung
    • § 17 Rechte der Beschäftigten
  • Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG)
    • § 28a Übertragung von Aufgaben
    • § 81 Unterrichtungspflicht des Arbeitgebers gegenüber den Arbeitnehmern
    • § 87  Mitbestimmungsrechte

Literatur  

Zum Einlesen:

Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (Hrsg.):
Im Dialog gewinnen: qualifizieren – beteiligen – gestalten. 
Die Schrift liefert Anreize, das Thema "Partizipation" im Call Center aktiv aufzugreifen und im Unternehmen zu verankern. Die Chancen eines Partizipationsprozesses im Call Center werden skizziert, die Zusammenhänge von Partizipation, Arbeitszufriedenheit und Gesundheit beleuchtet.
Infomodul im Projekt CCall,  als download unter  www.vbg.de

Zum Vertiefen:

Becker, Karina/Brinkmann, Ulrich/ Engel, Thomas/Satzer, Rolf:
Handbuch Gesundheit & Beteiligung. Neue Instrumente für den Gesundheitsschutz in Betrieben & Behörden.
2. aktualisierte Ausgabe. Hamburg (VSA-Verlag) 2014  

Matyssek, A.K.:
Führung und Gesundheit. Ein Ratgeber zur Förderung der psychosozialen Gesundheit im Betrieb.
bestellen unter: www.mehr-wohlbefinden-im-job.de, 2009

 
Martins, E./Pundt, A./Nerdinger, F.W.:
Mitarbeiterbeteiligung und Unternehmenskultur. Zum Konzept der Beteiligungsorienitierung in Organistionen,
Arbeitspapier 1 aus dem Projekt TIM "Transfer innovativer Unternehmenesnmilieus", hg. v. Lehrstuhl für Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Universität Rostock  2005
 
Glißmann, Wilfried/Peters, Klaus:
Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen,
Hamburg 2001  

Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung GmbH ZEW:
Betriebsräte erhöhen die Effektivität von Mitarbeiterbeteiligung.
in: ZEW news September 2003 bei www.zew.de und Discussion Paper No. 03-47, Thomas Zwick „Works Councils and the Productivity Impact of Direct Employee Participation, hrsg. von ZEW, Mannheim 2003

Verwandte Themen   

Projektverbund CCall

Das Dokument „Grundwissen Partizipation“ entstand im Rahmen der Arbeit im Projekt der Arbeitsgemeinschaft Partizipation: „Erfolgsfaktor Partizipation für mehr Arbeitszufriedenheit und Gesundheit“. Gefördert von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft und dem damaligen Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung innerhalb des Projektverbundes „CCall – erfolgreich und gesund arbeiten im Call Center“.

Internetadresse: www.ccall.de

Autoren: Arbeitsgemeinschaft Partizipation   

Technologieberatungsstelle beim DGB Landesbezirk Hessen (TBS Hessen), Offenbach: Regine Rundnagel und Anita Liebholz
IQ Consult, Düsseldorf: Sabine Riechel
Technologieberatungsstelle beim DGB Landesbezirk NRW (TBS NRW), Oberhausen: Regine Romahn
bao - Büro für Arbeits- und Organisationspsychologie GmbH, Berlin: Andrea Lohmann und Prof. Dr. Jochen Prümper

 

Letzte Änderung: 31.10.2003

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Rechtsquellen
  • Arbeitsschutz-
    gesetz
     


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Literaturtipps
  • Im Dialog gewinnen: qualifizieren – beteiligen – gestalten. download unter  Download-Area


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