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Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Alternative und Sonder-Sitzmöbel

Autor: Ulla Wittig-Goetz, Regine Rundnagel

Übersicht

  • Arbeitswissenschaftler raten zu dynamischem Sitzen, denn das stärkt den Rücken und beugt Beschwerden vor.
  • Sitzbälle, Kniesitzstühle, Pendelstühle usw. sorgen stets beim Sitzen für Bewegung und zwingen zu einer aufrechten Sitzhaltung.
  • Doch diese Sitzalternativen bergen Gefahren und können zu Fehlbeanspruchungen führen.
  • Es empfiehlt sich, unterschiedliche Sitzgelegenheiten nur als Ergänzung zum normalen Bürostuhl zu nutzen.
  • Sitzbälle eignen sich für gymnastische Übungen zwischendurch.
  • Besondere Aufgaben und Körperbedingungen benötigen Sonder-Stuhlmodelle.

Dynamisch Sitzen statt Haltungsmonotonie

 
Wer dauerhaft in Rundrückenhaltung sitzt, belastet erheblich seine Wirbelsäule und Bandscheiben. Arbeitswissenschaftler empfehlen deshalb dynamisches Sitzen. Dies beugt einseitigen Belastungen der Wirbelsäule vor und verbessert die Durchblutung der Muskulatur und Bandscheiben.
 
Durch die labile und federnde Grundlage fördern alternativen Sitzmöbel das dynamische Sitzen und sind sehr bewegungsförderlich. Sie werden als Teil der Gesundheitsförderung vielfach propagiert und viele Beschäftigte an Bildschirmarbeitsplätzen nutzen sie. Einen vollwertigen Bürostuhl mit seinen vielfältigen Einstellmöglichkeiten können sie nicht ersetzen und dürfen es auch nicht, weil zentrale Anforderungen an Ergonomie und Sicherheit nicht erfüllt werden.

Bewegende Hocker

Dynamik ins Sitzen bringen bewegliche Hocker, die es mittlerweile auch mit Rückenlehnen und Rollen gibt. Sie fördern ganz besonders das aufrechte und bewegte Sitzen und tragen zur Rückengesundheit bei.

Ob pendeln auf einem Tellerfuß, schwingen in alle Richtungen, federn nach unten und oben oder die per Sensoren selbsttätige Bewegung – allen ergonomischen Hockern ist gemeinsam, dass der Rücken stets aktiv bleibt weil die Benutzer durch ausgleichende Bewegungen die Balance halten müssen. Es werden verschiedene Muskelgruppen immer wieder be- und entlastet und der häufige Haltungswechsel sorgt für Muskulaturtraining und Durchblutung und beugt Verspannungen vor.

So kann sich die Stehhilfe Move per tellerförmigem Fuß nach allen Seiten neigen und ermöglicht viel  Bewegungsfreiheit für alle, die gerne mal schnell zwischen Sitzen und Stehen wechseln wollen. Mit den Füßen auf dem Boden wird der Stuhl mit dem Oberkörper ausbalanciert. Move verfügt über einen großen Höheneinstellbereich. Ein Plus immer dann, wenn Arbeitstische per Knopfdruck die Steh-Sitz-Dynamik zulassen. Auf Dauer allerdings kann hier die Haltearbeit der Rückenmuskulatur zur Fehlbeanspruchungen führen.

Bild 1: Alternatives Sitzmöbel: Move als Stehhilfe und Sitzalternative für zwischendurch. (Quelle: Stokke)

Mit dem Swopper läßt es sich sanft schwingen und federn. Die Sitzachse ist im Fußbereich beweglich gelagert und ermöglicht Bewegungen in alle Richtungen. Er bleibt dabei allerdings fest stehen. Man sitzt mittig auf dem schwingenden Hocker, so dass das Untergestell als Verlängerung der Wirbelsäule fungiert. Diese Sitzhaltung begünstigt tiefes Atmen und somit eine bessere Versorgung mit Sauerstoff, was der Leistungsfähigkeit zu gute kommt. Der Stuhl fordert die Bewegung, ausbalancierend kommt ein Benutzer hier auf mindestes doppelt soviel wie bei einem herkömmlichen Stuhl.
Der Swopper lässt sich auf das Gewicht des Nutzers einstellen, die Bewegungswiderstände sind somit individuell abgestimmbar. Es gibt drei verschiedene Einstellungsmöglichkeiten: Die Sitzhöhe lässt sich einstellen und sollte so gewählt werden, dass die Füße flach auf dem Boden stehen und sich die Knie etwas unterhalb der Hüften befinden. Die Federhärte kann an dem Körpergewicht ausgerichtet werden. Zudem ist noch die horizontale Beweglichkeit zu verstellen. Das Produkt entspricht gemäß DIN EN 1335 den Sicherheitsanforderungen und Maßvorgaben für Büromöbel. Bereits in den neunziger Jahren erhielt der Swopper den Innovationspreis der Bundesregierung und Auszeichnungen von der Aktion gesunder Rücken. Den Swopper gibt es als Hocker, Modelle mit Rückenlehne und Rollen sind ebenfalls zu haben. 

Bild 2: Swopper als Hockervariante. (Quelle: Aeris) 

Der Boogie Bioswing verfügt über ein Sitzwerk, das bereits auf kleinste Körperschwingungen wie den Herz- und Atemrhythmus anspricht und sie als belebende Impulse wieder an den Körper zurückgibt. Hier ist keine aktive Bewegung mehr notwendig, der Stuhl regt quasi automatisch zur Bewegung an. Die positive Wirkung der Bioswing Sitzsysteme auf Muskulatur und Nervensystem wurden nachgewiesen, das System erhielt den bayerischen Staatpreis mit Goldmedaille für wissenschaftlich-technische Innovation 2006. Ein vollwertiger Bürosessel ist ebenso zu haben wie ein Hocker für spezielle Arbeitsaufgaben oder als Abwechslung im Büro.

Bild 3: Boogie mit Bioswing Technik. (Quelle: Haider)

Sattelstühle

Sattelstühle sind so konstruiert, dass sie eine natürliche Körperhaltung fördern. Mittlerweile haben viele Anbieter sie im Programm. Der Capisco war der erste

ergonomische Sattelstuhl, er wird als Bürosessel und als Hocker angeboten.  Im Büro sind sie als zeitweilige Alternative sinnvoll. Sie erfordern in der Regel einen ausreichend höhenverstellbaren Arbeitstisch, die Tischhöhe muss höher sein als üblich.

 

Die Abstützung des Rückens im Brustwirbelbereich und ein Lendenbausch zur Beckenstützung ist hier nicht gegeben. Sattelstühle dieser Bauart erfüllen nicht die Anforderungen der Normen und der Ergonomie, auch wenn sie über Rückenlehnen verfügen. 

Bild 3: Capisco als Bürodrehhocker. (Quelle: HAG)

Kniesitzstühle

 
Kniesitz- oder Balancestühle haben ähnliche Vor- und Nachteile wie Sitzbälle. Auch wer auf einem Kniesitzstuhl hockt, wird zum aufrechten und bewegten Sitzen gezwungen. Jedoch gibt es auch hierbei Sicherheitsprobleme, denn man kann leicht kippen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Blutzirkulation im Beinbereich behindert ist, wenn der Unterschenkel stark abgeknickt wird. Auch diese Sitzmöbel bieten keine Abstützung im Bereich der Lendenwirbelsäule. Kniestühle sollten ebenfalls keine dauerhafte Alternative zum ergonomischen Arbeitsstuhl sein, und bei Knie- oder Wirbelsäulenschäden sind sie ganz abzulehnen. Dies gilt ebenso, wenn chronische Durchblutungsstörungen in Beinen und Füßen vorliegen. Wer auf einem Balancestuhl sitzt, benötigt eine niedrigere Tischhöhe als beim Büroarbeitsstuhl. Viele Arbeitsschützer lehnen sie wegen der Zwangshaltung der Beine ab.

Alternatives-möbel

Bild 4: Alternatives Sitzmöbel: Der Balance-Stuhl mit Rücken- und Kopfstütze. (Quelle: Orthopress 1/98, FIWA-Verlag, Köln, Stuhl von Stokke)

Keine Daueralternative

Ergonomische Hocker bringen Vorteile. Allerdings sind sie ohne Rückenlehne immer nur für wenige Stunden am Tag eine sinnvolle Sitzalternative. Sonst besteht die Gefahr, dass eine untrainierte Haltemuskulatur im Rücken überfordert wird. „Alternative Sitzmöbel können in Einzelfällen sinnvolle Ergänzungen, nicht aber Ersatz für Bürodrehstühle sein.“ schreibt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Entscheidend für den Dauereinsatz eines Sitzmöbels sind:

  • Stand- und Kippsicherheit
  • Schutz vor unbeabsichtigtem Wegrollen
  • fünf Rollen
  • ergonomische Maße
  • ausreichende Einstellmöglichkeiten von Höhe und Bewegungswiderstand
  • ausreichend hohe Rückenlehne
  • ausreichende Sitzflächengröße
  • unterstützende anliegende Rückenlehne in allen Sitzpositionen mit Beckenkontakt beim Zurücklehnen

Der Stuhl ist nicht alles

Es ist nicht das Sitzmöbel allein, was den Gesundheitseffekt ausmacht, so der Tenor der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in der Broschüre "Sitzlust statt Sitzfrust" aus dem Jahr 2004. Entscheidend ist es, das Ganze der Arbeitssituation in den Blick zu nehmen und zu verbessern. Auch auf einem ergonomischen Hocker kann man in Anspannung erstarren. Es kommt also entscheidend auf das persönliche Verhalten an.

Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Forschungsbericht 878, Wittig 2000) zeigen, dass alternative Sitzmöbel wie Kniestühle oder Pendelstühle von den meisten Nutzern/Nutzerinnen nach kurzer Zeit nicht mehr akzeptiert und in der Folge auch nicht mehr genutzt wurden. Günstige Effekte auf Muskulatur und Rücken fielen deshalb aus.

Wichtig für eine wirksame Verbesserung für Rücken und Muskulatur ist eine sinnvolle Verteilung der Arbeitsaufgaben in sitzende, stehende Tätigkeiten und Bewegung und eine gezielte Motivation zur Nutzung von Steh-Sitz-Kombinationen und alternativen Sitzmöbeln. Auch das Raumkonzept mit Teamzonen, Konzentrationsbereichen und Technikecke oder die regelmäßigen bewegten Kurzpausen spielen eine Rolle. 

Sitzen und Bewegen auf dem Ball

 
Der Sitzball ist vor allem zur Pausengymnastik zu empfehlen. Zu einer professionelle Büroarbeitsplatzausstattung gehört er nicht.
 
Der Ball fördert das Aufrichten des Beckens und erzwingt quasi aufrechtes und dynamisches Sitzen, man ist dauernd in Bewegung. Die Haltemuskulatur ist ständig gefordert. Der Sitzball ermöglicht allerdings kein sicheres Sitzen, weil er durch durch Wegrollen Unfallgefahren birgt. Um diese Risiken zu verringern, lässt sich zwar ein Gummiring unterlegen. Jedoch kann eine länger andauernde Muskelarbeit, wie es das "Ballsitzen" bedeutet, auch eine Fehlbeanspruchung bewirken. Zudem wird aus arbeitsmedizinischer Sicht die fehlende Höheneinstellbarkeit sowie die nicht vorhandene Abstützungsmöglichkeit für die Wirbelsäule kritisiert.

Gegen eine ständige Verwendung von Gymnastikbällen als Bürostuhlersatz sprechen eindeutige Festlegungen, wie die Berufsgenossenschaftliche Information BGI 650 "Bildschirm- und Büroarbeitsplätze. Leitfaden für die Gestaltung" ausführt.

Der Bandscheibenstuhl

Sogenannte Bandscheiben-Stühle oder orthopädische Stühle werden in Unternehmen in der Regel dann beschafft, wenn der Rücken bereits erkrankt ist und um weiterer Verschlechterung vorzubeugen. Ganz im Sinne der Prävention ist dieses Vorgehen nicht, Ergonomie sollte grundsätzlich groß geschrieben werden.

Es gibt keine festgelegten Kriterien für den Bandscheibenstuhl, er soll über die komplette ergonomische Ausstattung eines Büro-Arbeitsstuhls verfügen um optimale Rücken-, Arm- und Nackenunterstützung und viel Bewegung zu ermöglichen. Darüber hinaus ist eine geteilte Rückenlehne und Pendel- oder motorbetriebene Bewegungsdynamik empfehlenswert. Entscheidend ist es, dass die betroffene Person den Stuhl testen und auswählen kann.

ergonomische Anforderungen an orthopädische Stühle 

  • anatomisch gestaltete Sitzfläche, die das Herausrutschen verhindert 
  • leichte Höhenverstellbarkeit 
  • anatomisch geformte, hohe bzw. regulierbare Rückenlehne mit Lendenbausch/Lordosestütze in passender Höhe  
  • Synchronmechanik mit großem Neigungswinkel 30 °
  • leicht verstellbarer Gegendruck für die Sitzdynamik in aufrechter Sitzhaltung oder automatische Gewichtsverstellung
  • arretierbare Rückenlehne in unterschiedlicher Position oder stufenlos 
  • verstellbare Armstützen in der Höhe, möglichst in Breite und Tiefe zur Entlastung des Schultergürtels und Erleichterung beim Aufstehen und Hinsetzen
  • Sitztiefenverstellbarkeit zur Anpassung an unterschiedlichen Beinlängen und Vermeidung von Druck im Kniekehlenbereich
  • Sitzneigungsverstellbarkeit für unterschiedliche Sitzwinkel und Körperhaltungen 
  • atmungsaktive, antistatische Polsterung und Materialien
  • leichte Bedienbarkeit
  • Sitztiefenfederung zum Abfangen des Belastungsstoß beim Hinsetzen 
  • Standsicherheit

Finanzielle Zuschüsse sind unter bestimmten Bedingungen von der Deutschen Rentenversicherung zu erhalten. Unfallversicherungsträger leisten Unterstützung bei Unfallfolgen und für Schwerbehinderte können die Versorgungsämter die Finanzierung übernehmen. Viele Hersteller bieten entsprechend „anerkannte“ Modelle an, gute Ergonomie bieten allerdings auch viele Qualitätsprodukte z.B. mit dem Prüfsiegel "Quality Office".

Modelle für Sondernutzungen

Sondermodelle werden für große Körpergrößen und –gewichte oder für Körperbehinderte angeboten. Schwergewichtige Personen benötigen eine größere Härte der Polsterung. Größere benötigen eine höhere Rückenlehne und einen anderen Verstellbereich der Sitzfläche mit einer längeren Gasdruckfeder.

Es gibt auch Sondermodelle für bestimmte Nutzungen, z.B. für Leitwarten oder Call-Center mit hoher Stabilietät und guter Einstellbarkeit, Stühle mit sehr viel Bewegungsfreiraum wie Sattelstühle für alle sitzaktive Arbeitsbereiche wie bspw. Zahnarztpraxen und Labore oder Stühle, die sich auf Kinderhöhe verstellen lassen.

 
 
 

Bilder 6-9 von links nach rechts: Sondermodelle - 6: für sehr viel Bewegungsfreiheit, mit Sattelsitz und
Kopfstütze für viel Bewegungsfreiraum (Quelle: HAG Capisco); 7: 24-Stunden-Stuhl mit verstärkter Mechanik, Kopfstütze, wegklappbaren Armstützen und pneumatisch verstellbarer Lordosenstütze. (Quelle: bma ergonomics, Modell bma Controller); 8: Stuhl mit Arthrodesenausführung für Nutzer mit Einschränkungen im Hüft- und Kniebereich (Quelle: RHODE & GRAHL GmbH); 9: Modell mit visueller und akustischer Abschottung für unruhige Arbeitsumgebungen. (Quelle: Workbay von vitra)
 
 
Bild 10: Erzieherinnen-Stuhl mit Niedrig-Sitzhöheneinstellung 31-45 cm, stabilen Armlehnen als Aufstehunterstützung und vollwertiger neigbarer Rückenabstützung. (Quelle: EZ von org delta)

 

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen

Gesetze und Verordnungen
  • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
    • § 4 Anforderungen an die Gestaltung
    • Anhang Nr. 11

Berufsgenossenschaftliche Vorschriften, Regeln und Informationen
  • Berufsgenossenschaftliche Information BGI 650/GUV-Informationen GUV-I650: Bildschirm- und Büroarbeitsplätze. Leitfaden für die Gestaltung. Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, Bundesverband der Unfallkassen

Literatur

Literaturmarker Zum Einlesen:

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, INQA Büro (Hrsg.):
Sitzlust statt Sitzfrust. Sitzen bei der Arbeit und anderswo.
Dortmund 2004

Literaturmarker Zum Vertiefen:

Institut für Arbeitsschutz der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung BGIA (Hrsg.):
Ergonomische Untersuchung besonderer Büroarbeitsstühle.
BGIA - Report 5/2008, St. Augustin März 2008, download unter www.dguv.de

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Letzte Änderung: 4.7.2011

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