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Expertenwissen
GEA - Gefährdungsanalyse an EDV-Arbeitsplätzen für Beschäftigte mit und ohne Behinderungen

Autor: Harald Weber

Übersicht 

  • GEA unterstützt Beschäftigte und Arbeitssicherheitsexperten bei der Grobanalyse von EDV-Arbeitsplätzen.
  • Das Analyse-Instrument ist sinnvoll für und gleichermaßen nutzbar durch Beschäftigte ohne und mit Behinderungen (z. B. Blinde oder Beschäftigte mit schweren körperlichen Behinderungen).
  • Es berücksichtigt vom Standard abweichende EDV-Arbeitsplatz-Konfigurationen (z. B. ohne Standard-Tastatur, -Maus oder -Bildschirm).
  • Zudem bietet es einen akzeptablen Kompromiss aus den Ansprüchen an die wissenschaftliche Genauigkeit (z. B. Reliabilität, Validität) und typischen Einschränkungen in der betrieblichen Einsatzpraxis (z. B. Zeit- oder Ressourcenknappheit).
  • GEA ist als web-basierte, barrierefreie Anwendung kostenlos nutzbar.

Problemstellung Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen

Die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) gilt an allen in der Verordnung spezifizierten Arbeitsplätzen, so also auch an Arbeitsplätzen, die mit behinderten Beschäftigten besetzt sind. Jedoch können sich bei der Analyse dieser Arbeitsplätze "weiße Flecken" bei herkömmlichen Untersuchungsmethoden zeigen. So nutzen blinde Arbeitnehmer z.B. keinen Bildschirm, trotzdem sollten auch für die Sprach- oder Blindenschriftausgabe ergonomische Mindestanforderungen gelten. Diese werden jedoch durch kein bisheriges Verfahren überprüft. Die Bildschirmarbeitsverordnung sagt dazu das Folgende aus:

  •  "...von den Anforderungen des Anhangs darf abgewichen werden, wenn ...
    2. der Bildschirmarbeitsplatz entsprechend den jeweiligen Fähigkeiten der daran tätigen Behinderten unter Berücksichtigung von Art und Schwere der Behinderung gestaltet wird, und dabei Sicherheit und Gesundheitsschutz auf andere Weise gewährleistet sind."
    (BildscharbV § 4: Anforderungen an die Gestaltung)

Im Rahmen eines Forschungsprojektes am Institut für Technologie und Arbeit (ITA) wurde daher ein Analyse-Instrumentarium gemäß Arbeitsschutzgesetz (in Verbindung mit der Bildschirmarbeitsverordnung) unter Berücksichtigung behinderungsspezifischer Belange entwickelt.

Weg und Lösung

Basierend auf umfangreichen Befragungen und Datensammlungen bei Herstellern technischer Hilfen,  Berufsgenossenschaften, Gewerbeaufsichtsämtern, Ämtern für Arbeitsschutz und Arbeitsämtern wurde ein Fragebogen entwickelt, der die wichtigsten Gefährdungen an EDV-Arbeitsplätzen erfasst. Besonders berücksichtigt wurden die zusätzlichen Anforderungen, die sich für Behinderte  ergeben. Damit Beschäftigte selbst den Fragebogen nutzen können (subjektive Datenerhebung), wurde dieser als Software realisiert. Diese Software können Personen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen (z.B. motorische Behinderung, Blindheit) einsetzen, was in Praxistests überprüft und bestätigt wurde.

Drei Einsatzbereiche

Die entwickelte Software GEA kann auf drei verschiedene Arten eingesetzt werden:

1. Durchführung einer Grobanalyse durch die Beschäftigten
Auf den betreffenden Arbeitsplatz abgestimmte Fragestellungen ermöglichen es den Beschäftigten, die wichtigsten Gefährdungsquellen am eigenen Arbeitsplatz zu betrachten und zu beurteilen (z.B. an Tele-Arbeitsplätzen in der Wohnung). Eine "nicht-akademische" Gestaltung der Software sowie die einfache, jedoch reliable Fragenformulierung mit zahlreichen Hilfetexten motivieren zur Durchführung. Eine Kurzfassung der Ergebnisse gibt den Beschäftigten abschließend einen Überblick über die Grobanalyse.

2. Nutzung durch Arbeitssicherheitsexperten
Durch die Art der Datenerhebung während der Entwicklung der Software konnte sichergestellt werden, dass der Fragenkatalog das summarische Wissen aller befragten Experten wiedergibt. Dadurch können sowohl "Neulinge" auf dem Gebiet der EDV-Arbeitsplatzgestaltung bzw. Gefährdungsanalyse als auch "alte Hasen" von dem Fragenkatalog profitieren. Eine ausführliche Fassung der Analyse-Ergebnisse enthält auch Hinweise auf die relevanten Gesetze, Verordnungen, Normen oder Empfehlungen.

3. Gemeinsame Nutzung durch Beschäftigte und Experten
Diese Vorgehensweise wird empfohlen, da sich hier die subjektive Einschätzung der Beschäftigten und die objektive Beurteilung durch die Experten optimal ergänzen. Die Software kann dabei auch dazu dienen, eine "gemeinsame Sprache" bzgl. der Identifikation von Gefährdungen zu finden.

GEA eignet sich für Beschäftigte mit den verschiedensten Behinderungen und erlaubt auch die Bedienung mit einem Finger, Stirnstab, mit einem Positionierungsmedium (z.B. Trackball) etc. Der Zeitaufwand zur Durchführung einer Analyse beträgt durchschnittlich 30 - 45 Minuten. Die Analyse-Ergebnisse können ausgedruckt und als Dokumentation im Sinne des Arbeitsschutzgesetzes verwendet werden.

GEA im Überblick

 

Bild 1: GEA Hauptmenü, beschrieben im Text   

Die Software zur Durchführung der Grobanalyse wurde im Aufbau wie auch in der Bedienung einfach gestaltet und steht allen Nutzern web-basiert zur Verfügung. Nebenstehende Abbildung zeigt die Startseite von GEA. Die Anwendung gliedert sich in drei Bereiche: Einleitung, Analyse und Auswertung sowie Erläuterungen.
 
In der Einleitung werden kurz die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Handhabung der Software erläutert. Im zweiten Bereich können die Nutzer dann eine neue Analyse starten oder eine früher begonnene und unterbrochene Analyse fortsetzen. 

Bild 2: Die Abbildung zeigt das Menü zur Analyse eines EDV-Arbeitsplatzes.

Nach Erhebung der Basisdaten eines Arbeitsplatzes (z.B. Ausstattung mit bestimmten Ein- oder Ausgabegeräten) sowie Informationen zu dem bzw. der Beschäftigten (z.B. Art der Behinderung) werden die relevanten Fragen automatisch zusammengestellt.

Diese Fragen untergliedern sich in fünf thematische Module:

  • "Gestaltung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes",
  • "Arbeitsmittel",
  • "Arbeitsverfahren, Abläufe und Arbeitszeit",
  • "Qualifikation und Unterweisung",
  • "Soziales Umfeld".

Die Möglichkeit zur Eingabe persönlicher Anmerkungen und Kommentare sowie die Auswertung beschließen die Analyse.

Bezugsquelle

Beschreibung der Entwicklung des GEA-Instrumentariums

Das GEA-Verfahren wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelt. Eine Dokumentation der Vorgehensweise zusammen mit zahlreichen Untersuchungsergebnissen wurde im folgenden Buch zusammengestellt:

    Weber, Harald:
    Entwicklung eines Gefährdungsanalyse-Instrumentariums
    zur Beurteilung von EDV-Arbeitsplätzen
    für Beschäftigte mit und ohne Behinderungen.
    Der Andere Verlag, 1999, ISBN: 3-9806537-6-5

GEA-Software (Web-Version)

Die oben beschrieben Software GEA wurde als Web-Applikation implementiert und ist daher auf allen mit dem Internet verbundenen Computern per Web-Browser nutzbar. Web-Adresse: www.ita-kl.de/gea/einfuehrung.htm

Service: GEA CD-ROM Version zum Download

Die Software wurde nicht mehr gepflegt. Die CD-ROM kann inzwischen nicht mehr bestellt, jedoch auf den Web-Seiten des ITA in der alten Version herunter geladen werden unter: Web-Adresse: http://www.ita-kl.de/gea/alt.htm

GEA-Ansprechpartner

Das GEA-Verfahren wurde am Institut für Technologie und Arbeit (ITA) im Rahmen eines eigenfinanzierten Forschungsprojektes von Harald Weber entwickelt. Inhaltliche Fragen richten Sie bitte an Harald Weber , mailto: harald.weber@ita-kl.de , Anfragen genereller Art bitte an das Institut für Technologie und Arbeit, Buchbestellungen bitte an Der Andere Verlag ,Web-Adresse: http://www.der-andere-verlag.de/).

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen 

Gesetze und Verordnungen
  • § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers
  • § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
  • § 6 Dokumentation
  • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)
    • § 3 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
Berufsgenossenschaftliche Vorschriften, Regeln und Informationen
  • Berufsgenossenschaftliche Information BGI 650: Bildschirm- und Büroarbeitsplätze. Leitfaden für die Gestaltung, Verwaltungs-Berufsgenossenschaft

Normen
  • DIN EN ISO 9241: Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten bzw. neu: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion
 

Literatur   

Zum Thema EDV-Arbeitsplätze für Beschäftigte mit Behinderungen:
 
Weber, H.; Zink, K. J.:
EDV-Arbeitsplätze für Menschen mit körperlichen Behinderungen,
Universität Kaiserslautern 1998 (147 Seiten)
ISBN: 3-925178-20-1, ISSN: 1435-7348 (Berichte aus dem Institut für Technologie und Arbeit)

Weber, Harald:
Entwicklung eines Gefährdungsanalyse-Instrumentariums
zur Beurteilung von EDV-Arbeitsplätzen
für Beschäftigte mit und ohne Behinderungen.

Der Andere Verlag, 1999, ISBN: 3-9806537-6-5

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Letzte Änderung: 01.09.2005

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Rechtsquellen
  • Bildschirmarbeits-
    verordnung 


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Informationen

Institut für Technologie und Arbeit (ITA)
Technische Universität Kaiserslautern
Harald Weber 
www.ita-kl.de/gea/einfuehrung.htm
mailto: harald.weber@ita-kl.de

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