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Expertenwissen
Interview mit Prof. Dr. Siegrist zu Stress

Prof. Dr. Johannes Siegrist, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der Universität Düsseldorf


Quelle: Arbeitsgemeinschaft zur Patienteninformation über Gesundheit und Umwelt e. V.

 

Stress hat für den Normalbürger immer auch einen Beigeschmack von lauter Aktivität, Dynamik, von Gefordertsein. Stress gilt vielen als typische Managerkrankheit. Was aber versteht man aber eigentlich wissenschaftlich darunter?

Die Stressforschung machte lange Zeit nur geringe Fortschritte, weil sie sich viel zu stark an diesem Alltagsverständnis von Stress orientierte, kein klares wissenschaftliches Konzept hatte. Heute wissen wir, dass es dann zu krank machendem Stress kommt, wenn hohe Verausgabung mit einer geringen Kontrolle über das Ergebnis und geringen Belohnungsschancen verbunden ist. Wenn sich also jemand besonders stark und lange in einer Anforderungssituation befindet, in der nicht sicher ist, ob die Anstrengung zum Erfolg oder zum Scheitern führt. Kontrollbedrohung bzw. -verlust - die damit verbundene Unsicherheit - sie ist das, was unter die Haut geht.  

Gibt es bestimmte Persönlichkeitseigenschaften, die vor Stress schützen bzw. anfälliger dafür machen?

Ja. Besonders stressanfällig sind auf der einen Seite Menschen, die extrem dominant sind, jede Situation unter Kontrolle haben möchten, die sagen: "Wenn ich es nicht mache, wird es nicht gut gemacht". Die alles an sich reißen, sehr wettbewerbsorientiert eingestellt sind und dazu überengagiert, misstrauisch und feindselig reagieren – solche Menschen bringen sich häufiger in Situationen von negativem Stress. Ebenfalls anfällig für Stress sind aber auch Menschen, die sich zu wenig zutrauen, früh aufgeben, die ihren Wert im gesellschaftlichen Leben nicht richtig wahrnehmen; Menschen, die eher passiv sind, schnell resignieren und vorhandene Erfolgschancen nicht wahrnehmen, was dann zu dem Gefühl der Hilflosigkeit und zu depressiven Verstimmungen führt.   

Ist der Übergang von Stress zur Depression ein fließender? Steht nicht auch das im Widerspruch zu dem Bild, das man sich von einem gestressten Menschen macht?

Ja, in gewisser Weise. Man kann es so sehen, dass depressive Zustände dann gehäuft auftreten, wenn sich Menschen über Jahre verausgaben, das angestrebte Ziel aber nicht erreichen. Dadurch bleiben stressmindernde, Entspannung und Wohlbefinden fördernde Erfahrungen aus,  wie sie etwa nach dem erfolgreichen Abschluss einer beruflichen oder sportlichen Herausforderung erlebt werden. Die Menschen leiden viel mehr unter dem, was man vitale Erschöpfung nennen kann. Ihre Batterien sind leer. Sie haben sich verausgabt, ohne dass dies von positiven Lebensimpulsen ausgeglichen worden wäre.  

Einfluss zu haben, frei entscheiden und Kontrolle ausüben zu können, reduziert den Stress. Wovon hängt die Intensität des Stresserlebens noch ab?

Die Intensität hängt ab von der Situation, von der Bedeutung, die man der Situation beimisst, der Verantwortung, die man hat; von Persönlichkeitseigenschaften, aber auch von Schutzfaktoren im Umfeld. Ein ganz wichtiger Schutzfaktor ist hier das, was man in der Forschung den sozialen Rückhalt nennt. Dieser Rückhalt ist nicht zuletzt die Fähigkeit, Hilfe von anderen Menschen annehmen zu können und das Vertrauen in die Hilfsbereitschaft dieser Menschen. Dieser Schutzmechanismus greift im privaten Bereich ebenso wie im betrieblichen Alltag. Er gilt für den Umgang mit Kollegen gleichermaßen wie für den Umgang mit Vorgesetzten. 

Hat eigentlich der Stress in den letzten Jahren wirklich zugenommen oder ist er nur verstärkt in das Bewusstsein gerückt?

Es ist sicher beides. Auf der einen Seite ist Stress vermehrt in das öffentliche Problembewusstsein gerückt. So gibt es verschiedene politische Initiativen,  beispielsweise auf der europäischen Ebene, die sich um diese Thematik kümmern und das Ziel haben, Stress in die Arbeitsschutzgesetzgebung und betriebliche Gesundheitsförderung  hineinzutragen. Auf der anderen Seite wissen wir aus Studien, die in skandinavischen Ländern durchgeführt wurden, dass die Stressbelastung in den  neunziger Jahren merklich zugenommen hat. Und dass diese Zunahme mit einem entsprechenden Anstieg stressbedingter Erkrankungen einher ging. 

Macht Stress wirklich krank, und wie muss man sich das vorstellen? Wann wird aus akutem Stress chronischer Stress?

Chronischer Stress kommt in der Regel dadurch zustande, dass die von außen vorgegebenen Anforderungen von mir nicht im Sinne von positivem Stress verändert werden können. Da ist wiederum die Arbeitssituation ein Paradebeispiel. Ich kann nicht einfach hergehen und sagen, dass ich ab morgen mein Arbeitsprofil oder die Vorgaben an meinem Arbeitsplatz ändere. Etwa indem ich mehr Kontrolle und hohe Gewinnchancen bekomme. Das kann ich nicht machen, das sind strukturelle Zwänge. Chronisch wird Stress, wenn belastende Situationen über Jahre gleichförmig bestehen oder sich sogar verschlimmern. Forschungsergebnisse zeigen: Wenn es sich nicht um Extremverhältnisse handelt, ist eine mehrere Jahre dauernde Stressexposition erforderlich, um  eine nachweisbare Krankheitsentwicklung (z.B. Bluthochdruck) zu bewirken.

Noch einmal zum positiven Stress: das ist der Stress, bei dem ich mich anstrenge und diese Anstrengung zum Erfolg führt und Belohnungen, vor allem auch emotionaler Art, in vollem Umfang gewährt werden. Nehmen Sie bestimmte Künstler, etwa Dirigenten, die ja häufig bis achtzig erstaunlich aktiv bleiben, sich hochgradig verausgaben. Manche großen Stars jetten um den Erdball und bleiben, bei aller  Anstrengung glücklich und gesund.  

Unterscheidet sich die Stressbelastung des Managers von der des Arbeiters am Fließband?

Menschen in Führungspositionen wie z. B. Manager stehen zwar häufig hohen Anforderungen gegenüber, haben aber auf der anderen Seite auch erhebliche Kontrollmöglichkeiten und Entscheidungsbefugnisse, können Vorgänge steuern. Bei diesen Menschen ist das Erkrankungsrisiko statistisch deutlich geringer als bei den Ausführenden einfacher Tätigkeiten mit einem nur sehr eingeschränkten Kontrollspielraum. Ein Beispiel sind die Arbeiten am Fließband: Dort haben die Menschen kaum Entscheidungsbefugnisse, werden extrem gefordert und können sich trotzdem nicht sicher sein, ob sie ihren Job behalten. Solche Gratifikationskrisen wirken sich hier belastend aus.  

Gratifikationskrise - bedeutet das: ich kann nicht sicher sein, dass ich das bekomme, was ich verdiene?

Ja. Entscheidend ist aber nicht nur, ob ich angemessen bezahlt werde. Gleichermaßen wichtig sind auch die Anerkennung des Geleisteten, die Möglichkeiten des beruflichen Fortkommens und die Arbeitsplatzsicherheit. Diese Faktoren spielen eine ganz wesentliche Rolle.
Frage   

Was können Arbeitnehmer tun, um Stress abzubauen?

Es gibt Zwänge, denen sich der einzelne Arbeitnehmer nicht entziehen kann. Deshalb sind zwar viele Stressprogramme gut gemeint, aber nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Es reicht oft einfach nicht aus, nur die Person zu sehen und dieser zu sagen: mach mal ein bisschen weniger, tritt langsamer. Um in diesen Fällen den Stress zu reduzieren, muss man in der Struktur ansetzen, indem man beispielsweise durch eine optimierte Arbeitsorganisation Spitzenbelastungen vermeidet oder durch Arbeitsteilung Ausgleich schafft. Das sind organisatorische Maßnahmen, die Stress abbauen können und so gesundheitsfördernde Effekte haben. Aber natürlich kann auch die einzelne Person viel zur Stressverminderung beitragen. Besonders Menschen, die eine hohe Neigung haben sich zu verausgaben, immer 150-prozentig funktionieren möchten, können sehr wohl lernen, sich nicht selbst in so hohem Maße unter Druck zu setzen. 

Gibt es Krankheiten, die besonders oft durch Stress verursacht werden?

Die Antwort auf diese Frage hängt natürlich von der Forschungslage ab. Die bisher am besten untersuchte Krankheitsgruppe sind Herz-Kreislaufkrankheiten, die Verengungen der Herzkranzgefässe, der Herzinfarkt, der plötzliche Herztod. Und natürlich die Vorläufer, die Risikofaktoren Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und krankhaft erhöhte Blutfette. Aber auch bei depressiven Erkrankungen ist belegt, dass diese mit chronischer Stressbelastung zusammen hängen.   

Welche Rolle spielt bei diesen Krankheiten ein durch Stress verändertes Risikoverhalten? Also z. B. mehr Essen, höherer Alkohol- und Zigarettenkonsum, weniger Bewegung?

Natürlich spielt das eine Rolle. Es ist aber nicht nur das geänderte Risikoverhalten der gestressten Personen, sondern es sind zudem  eigenständige körperliche Wirkungen, die der Stress auf den Körper hat. Dies bedeutet, dass sich Stress auch ganz direkt über das autonome Nervensystem, über Hormone und eine veränderte Immunantwort auf die Gefäße und Organe auswirkt.  

Lässt sich sagen, welche Situationen besonders oft Stressreaktionen hervorrufen?

Grundsätzlich sind das die Situationen, in denen kein in etwa ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen, von Anforderungen, Kontroll- und Belohnungschancen besteht. In der menschlichen Evolution war der Grundsatz, dass man das, was man investiert, in vergleichbarer Weise zurückbekommt, sehr wichtig. Die Kooperation von Menschen war für das Überleben immer wichtig. Das ist offenbar eine sehr alte Verhaltenserwartung. Wird die verletzt, löst das sehr starke Emotionen und Stressreaktionen aus und die Menschen kommen damit sehr schlecht zurecht.  

Der Stress im Arbeitsleben scheint besonders gut untersucht?

Ja. Aus zwei Gründen: Situationen, in denen etwas verlangt, etwas gefordert wird, in denen man sich anstrengt, sind dort besonders häufig. Zudem stellen das vorzeitige Ausbrechen chronischer Erkrankungen,  die erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz und die Frühberentung ein wirklich großes gesundheitspolitisches Problem dar. Man darf nicht vergessen: Menschen, die durch ihre Arbeitsbedingungen vermehrten Stressbelastungen ausgesetzt sind, haben in den folgenden 5 bis 10 Jahren im Vergleich zu Nichtbelasteten  ein doppelt so hohes Risiko, von einer tödlichen oder  nicht-tödlichen Herz-Kreislauferkrankung betroffen zu sein. Eine Risikoverdoppelung ist bei relativ seltenen Ereignissen für den Einzelnen zwar nichts Dramatisches, aber bezogen auf die große Zahl von Beschäftigten in einer Volkswirtschaft schon sehr bedeutsam.

Andere Risikofaktoren im Alltagsleben sind weniger gut untersucht, aber vielleicht auch nicht in dieser Häufigkeit vorhanden. Obwohl ich da eigentlich doch lieber vorsichtig sein möchte. So gibt es eine sehr interessante, noch nicht veröffentlichte Studie, die zeigt, dass auch im Haushalt eine sehr eingeschränkte Möglichkeit zur Kontrolle der Aufgaben bei Frauen mit einem erhöhten körperlichen Erkrankungsrisiko einher geht.  

Wer 39 Jahre alt ist, hat noch etwa die Hälfte seines Lebens vor sich, gilt aber am Arbeitsmarkt als alt und kaum zu vermitteln. Ist nicht auch unser Verhältnis zum Alter und Älterwerden ein Stressfaktor?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wirkt doch allein schon die Befürchtung, dass man in drei, vier Jahren frühzeitig aufs Nebengleis gestellt werden könnte, schon als Stress und nicht erst die Tatsache der Berentung. Bezogen auf die Fähigkeiten im fortgeschrittenen Alter sind Fehlurteile weit verbreitet. Die Forschung hat hier aber ganz eindeutig gezeigt, dass abgesehen von der körperlichen Kraft, die ja bei vielen Arbeitsplätzen heute nicht mehr im Vordergrund steht, bis weit in die sechziger kaum Leistungseinbußen bestehen und dort, wo sie bestehen, sehr gut durch andere Fähigkeiten kompensiert werden können. Es wird bei uns viel zu wenig getan um altersgemäß zu fördern, um Menschen auch im fortgeschrittenen Alter entsprechend ihrer Qualifikation einzusetzen. Hier hat das Wirtschaftsleben noch sehr viel zu lernen. Es gibt im Ausland Modelle, die unbedingt auch in Deutschland aufgegriffen werden müssten. 

Deutlich mehr als 4 Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos. Worin besteht der Stress Arbeitsloser?

Bei der Arbeitslosigkeit ist die Stressgefährdung sehr wichtig, die mit Ausschluss, mit Passivität, Chancenlosigkeit, der Aussichtslosigkeit, in zentralen Lebensbereichen aktiv zu sein, einhergeht. Ich denke, dass mit diesem eher passiven Stresserleben auch Gesundheitsrisiken verbunden sind. Vermutlich liegen diese aber mehr im Bereich Suchtverhalten, mehr im depressiven Formenkreis und immunvermittelter Krankheiten.  

Wie können Arbeitslose Stress abbauen bzw. seiner Entstehung entgegen wirken? Wie können Familie bzw. Freunde und Bekannte dabei helfen?

Sicher ist, dass in solchen Situationen der soziale Rückhalt als Schutzfaktor wirkt, dass man eben in Familie und Freundeskreis Wertschätzung trotz der Arbeitslosigkeit erfährt. Wir sind aber natürlich alle daran interessiert, das Problem dadurch zu lösen, dass die wirtschaftliche Dynamik wieder in Gang kommt. Ich denke, dass die Chancen der gesellschaftlichen Aktivierung noch längst nicht ausgeschöpft sind. Es gibt einen zweiten, es gibt einen dritten Arbeitsmarkt, es gibt die Chancen der Bürgerarbeit. Ich glaube, dass Aktivitätschancen für Menschen außerhalb des harten Kernbereichs der Ökonomie verstärkt ausgelotet werden sollten.  

Stressminderung könnte nach Ihrer Einschätzung die Kosten im Gesundheitswesen erheblich senken. Warum passiert so wenig?

Zum einen sicher, weil der Weg so mühsam ist. Wenn man wirklich konsequent im Bereich der gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen ansetzen würde, brächte das für die umstellenden Unternehmen, zumindest kurzfristig, Kosten und Unsicherheiten mit sich. Zum anderen ist in Deutschland die Forschung unterentwickelt, der Zusammenhang von Stress und Krankheiten somit nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein verankert. Die Arbeitsmedizin hat sich mit dieser Thematik bislang nicht mit der notwendigen Intensität befasst. Auch Politik und Betriebswirte haben bislang noch kein ausreichendes Gespür für die Bedeutung von Gesundheit für den betriebswirtschaftlichen Erfolg entwickelt. Bei den Gewerkschaften spielte die Qualität der Arbeit lange Zeit  nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zur quantitativen Lohnpolitik. Das hat sich in den letzten Jahren zwar gebessert. Trotzdem vieler Widerstände auf verschiedenen Ebenen gibt es aber auch erste ermutigende Entwicklungen.

 

Letzte Änderung: 4.5.2004

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