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Arbeit im Büro gesund gestalten

 Kurs
Gute Büroarbeit

Autorin: Michaela Böhm

 


Das erste Kapitel des Grundkurses Büroalltag gibt einen Überblick darüber, wie sich Büroarbeit ändert, welche neuen und typischen Anforderungen bei der Arbeit in einem Büro mit Bildschirm vorhanden sind. Es zeigt, welche Vor- und Nachteile das für Beschäftigte in Büros mit sich bringt, wie Risiken eingedämmt werden und was Arbeitnehmer selbst tun können, um auf ihre Gesundheit und berufliche Leistungsfähigkeit zu achten.  

 

Übersicht:

  • Typisch für Büroarbeit: dauerndes Sitzen und Schwerstarbeit für die Augen
  • Trends der Büroarbeit: flexibel, mobil, virtuell und selbst gesteuert
  • Neue Arbeitsformen: wie sie Arbeit verändern
  • Vor- und Nachteile für Beschäftigte
  • Das Büro von heute
  • Neue Arbeitsformen – neue Gesundheitsbeschwerden

Typisch für Büroarbeit: dauerndes Sitzen und Schwerstarbeit für die Augen

Ohne Bildschirm funktioniert heute kaum mehr eine Tätigkeit im Büro. Er ist zum zentralen Arbeitsmittel geworden. Typisch für die Bildschirmarbeit ist das dauernde Sitzen, die geringe körperliche Bewegung sowie das einseitige Sehen aus immer gleicher Entfernung auf dem Monitor, was Schwerstarbeit für die Augen bedeutet. Ebenso gehört es heute dazu, hoch konzentriert mit verschiedenen EDV-Programmen zu arbeiten und bei der Dateneingabe mit Tastatur und Maus zu hantieren und Tausende von Anschlägen pro Tag zu tippen, was oft Belastungen an Hand und Arm nach sich zieht.

Wer sein Berufsleben lang am Bildschirm arbeitet – sei es als Programmierer im Softwarehaus, als Sachbearbeiterin im Rechnungswesen oder als Agent im Call-Center – wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die gesundheitlichen Folgen der Bildschirmarbeit spüren.

Viele Bildschirmarbeiter klagen über

  • Anspannung und muskuläre Verspannungen
  • schmerzhafte Beschwerden im Nacken-, Schulter- und Rückenbereich
  • Durchblutungsstörungen, vor allem in den Beinen
  • Sehstörungen und Augenbeschwerden
  • Kopfschmerzen

 Das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein. Vieles lässt sich heute gut und ergonomisch gestalten; negative Folgen für die Gesundheit können durch Prävention im Arbeitsalltag vermieden oder zumindest vermindert werden.

Zu Prävention gehört beispielsweise

 Den Arbeitsplatz richtig einzurichten, etwa die Höhe von Stuhl und Arbeitstisch einzustellen und sich in richtiger Entfernung vom Bildschirm zu setzen

 Bewegungen in den Arbeitsalltag einzubauen, was auch an einem Büroarbeitsplatz funktioniert

 Ausreichende Beleuchtung des Arbeitsplatzes

 Maßnahmen gegen Lärm im Großraumbüro  und vieles mehr

Für eine gute Prävention sollte die gesamte Arbeitssituation berücksichtigt werden. Dabei spielt nicht nur der Bürostuhl eine Rolle, sondern alle Faktoren, wie Lärm, Zugluft, Zeitdruck, die auf den Menschen einwirken.
 

Trends der Büroarbeit: flexibel, mobil, virtuell und selbst gesteuert

Die Arbeit in Büros heute hat mit der Büroarbeit von früher kaum noch etwas gemein. Statt von montags bis freitags als Angestellter acht Stunden im Einzel- oder im Zweierbüro mit den gleichen Kollegen und Kolleginnen zu verbringen, sind Beschäftigte zunehmend unterwegs, sie arbeiten direkt beim Kunden oder im Home Office, mit dem Notebook im Zug, am Flughafen oder notfalls an der Raststätte.

Mal teilen sie sich ihren Arbeitsplatz mit Kollegen und/oder sie sind in großen, offenen Büroetagen mit vielen anderen Abteilungen untergebracht. Teams und Projekte wechseln, die Arbeitsorte auch. Arbeit wird erledigt, wenn sie anfällt, wo auch immer.

Büroarbeit von heute ist geprägt von neuen Arbeitsformen, die gewohnte Normen außer Kraft setzen. Alles scheint flexibel – die Arbeitszeit, der Arbeitsvertrag, der Arbeitsort, der Arbeitsplatz und die Arbeitsgruppen. Manches kommt Beschäftigten entgegen, anderes geht über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus.

Auch mit neuen Formen in der Büroarbeit muss sichergestellt sein, dass Beschäftigte ihre Gesundheit erhalten und bis zur Rente arbeitsfähig bleiben. Ist die Arbeit im Büro gut gestaltet, kann sie anregend sein, die Arbeitsleistung fördern und die Gesundheit erhalten.

Neue Arbeitsformen: Wie sie Arbeit verändern

Telearbeit/ Teleworking:
Unter Telearbeit versteht man, dass ein Beschäftigter ausschließlich oder abwechselnd an einem Arbeitsplatz außerhalb des Betriebs arbeitet. Telearbeiter können, müssen aber nicht fest angestellt sein. Häufig arbeiten sie von zu Hause aus und sind nur wenige Tage im Büro.  

Home Office:
Der Büroarbeitsplatz in der privaten Wohnung wird Heimarbeitsplatz, Telearbeitsplatz oder Home Office genannt. Mal arbeitet jemand ausschließlich von zu Hause aus, mal gibt es Wechsel zwischen dem Büro in der Wohnung und im Betrieb. Ob der Heimarbeitsplatz vollständig durch den Arbeitgeber ausgestattet wird und eine ergonomische Beratung vor Ort stattfindet oder das dem Beschäftigten selbst überlassen wird, handhaben Betriebe unterschiedlich. Grundsätzlich gilt, dass es ein Arbeitsplatz ist, Beschäftigte dort ihre Arbeitsaufgaben verrichtet und Betriebe auch dort eine Verantwortung für den Gesundheitsschutz haben. Der gesetzliche Unfallschutz gilt bei offiziellen Heimarbeitsplätzen.

Mobile Arbeit:
Mobile Beschäftigte leisten mehr als 20 Prozent ihrer Arbeit außerhalb des Firmenbüros oder des Heimarbeitsplatzes und nutzen dabei neue Informationstechnologien. Mobile Beschäftigten arbeiten demnach an unterschiedlichen Arbeitsorten, sind oft auf Reisen und arbeiten direkt beim Kunden. Von ergonomischen Mindeststandards sind diese Arbeitsbedingungen oft weit entfernt. 

Crowdsourcing/ Cloudworking:
Beim Crowdsourcing lagert ein Unternehmen Aufgaben an den „Schwarm“ von Internetnutzern aus. Cloudworking bedeutet, dass auf speziellen Internetplattformen Auftraggeber ihren Auftrag einstellen. Mit Anweisungen, bis wann und wie er zu erledigen ist. Große Aufträge werden in viele kleine zerlegt und einzeln online gestellt. Cloudworker machen sich nun an die Arbeit und bearbeiten die Aufträge. Sie können, müssen aber nicht fest angestellt sein.

Projektarbeit:
Teams arbeiten gemeinsam an einem Projekt. Oft ist nicht mehr die Arbeitszeit entscheidend, sondern ausschließlich das Ergebnis. Projektarbeit kann unter starkem Zeitdruck mit hoher Arbeitsverdichtung erfolgen. Manchmal werden die Teams für jedes neue Projekt wieder neu zusammengestellt, manchmal laufen mehrere Projekte parallel und eines geht ins andere über.

Ergebnisorientiertes Arbeiten:
Das ist oft gekoppelt mit Projektarbeit. Entscheidend ist das Ergebnis, gesteuert werden die Beschäftigten durch individuelle oder Team-Zielvereinbarungen. Vom Erreichen des Ergebnisses hängt die Leistungsbewertung ab, oft sind auch Entgeltbestandteile daran geknüpft. Hier ist demnach nicht mehr das tägliche Engagement wichtig, sondern die Zielerreichung

Vor- und Nachteile für Beschäftigte

Die neuen Arbeitsformen von Bürobeschäftigten haben durchaus positive Seiten. Bei Telearbeit im Home Office fallen lange Fahrten zum Arbeitsplatz weg, Arbeit und Privates lässt sich besser miteinander vereinbaren, man kann seine Zeit selbstständig einteilen und ungestörter arbeiten, als das im Großraumbüro der Fall ist. Wer viel unterwegs ist, ist einem geringeren Maß an Monotonie ausgesetzt, weil die Einsatzorte häufig wechseln. Man ist unabhängiger von der direkten Kontrolle des Vorgesetzten und hat in der Regel mehr Entscheidungs- und Handlungsspielräume. Und keiner kritisiert, dass zwischendurch auch mal etwas Privates erledigt wird. Auch wer seine Aufträge über Cloudworking erhält, hat den Vorteil, seine Arbeit selbst einteilen und jederzeit und an jedem Ort arbeiten zu können, sehr flexibel und ohne Kontrolle. Selbst gesteuertes Arbeiten, wie es in der Projektarbeit üblich ist, bringt häufig neue Lernmöglichkeiten mit sich und  abwechslungsreiche Tätigkeiten.
 
Neue Arbeitsformen haben aber nicht nur Vorteile. Grenzen zwischen Arbeit- und Privatleben lösen sich auf, feste Arbeits- und Tagesrhythmen gibt es nicht mehr und auch der Kontakt zu Kollegen und Kolleginnen oder zum Team wird weniger. Bei Telearbeit, mobiler Arbeit und Cloudworking besteht die Gefahr der Vereinzelung. Jede Entscheidung muss selbstständig getroffen werden, oft fehlt es an jeglicher (technischer) Unterstützung aus dem Betrieb. Die einst so hochgelobte Vereinbarkeit von Beruf und Familie erweist sich im Home Office nicht selten als Trugschluss. Konzentriertes Arbeiten ist mit kleinen Kindern zu Hause nicht möglich, Kinderbetreuung wird dennoch benötigt. Bei vielen dieser neuen Arbeitsformen ist zu beobachten, dass unbezahlt mehr gearbeitet wird. Bei mobiler Arbeit kommt noch hinzu, dass jemand, der ständig bei Kunden arbeitet, zwar keine regelmäßigen Fahrten mehr zum Arbeitsplatz hat, aber dafür ständig im Zug oder auf der Straße unterwegs ist und die Reisezeit zur Verlängerung der Arbeitszeit führt.

Die Gefahr der Überlastung steigt bei Beschäftigten in den neuen ergebnisorientierten Arbeitsformen deutlich. Hohe Arbeitsintensität, Zeitdruck und Dauer-Bildschirmarbeit werden zur Regel, regelmäßige Pausen sind passé, die werden nur noch genommen, wenn es die Arbeit zulässt. Eigene Bedürfnisse werden der Arbeit untergeordnet. Ergonomische Mindestbedingungen werden entweder vernachlässigt oder können nicht umgesetzt werden. Sind die Beschäftigten nicht mehr fest angestellt, wie das bei Cloudworkern oder Freelancern der Fall sein kann, stehen sie nicht nur in Konkurrenz zu den anderen Cloudworkern, sondern müssen mit der Auftragsrekrutierung auch ständig für ihre eigene Existenzgrundlage sorgen.

Für alle Beschäftigten in den neuen Arbeitsformen gilt, dass eine hohe Eigendisziplin notwendig ist und die Fähigkeit, für sich und die eigene Gesundheit zu sorgen, weil man sonst Gefahr läuft, sich selbst auszubeuten und die Gesundheit zu gefährden.

Das Büro von heute

Es ändern sich nicht nur Arbeitsformen, sondern auch Arbeitsorte. Büros der 1980er Jahre gleichen den heutigen kaum noch. Sie heißen nun Open Space Office, Business Club, Flexible Office oder Non-Territorial Office und gehen häufig damit einher, dass Beschäftigte keinen Arbeitsplatz mehr haben, der ihnen persönlich zugeordnet ist. Vielmehr müssen sie sich jeden Tag aufs Neue ihren Platz im Büro suchen (Desk Sharing) – oft passend zu ihrer Tätigkeit – für die Arbeit im Team oder als Einzelarbeitsplatz zum konzentrierten Arbeiten.

Heute ist es zudem üblich, dass viele Beschäftigte gemeinsam ein Büro nutzen. Großraumbüros von weit über 400 Quadratmetern und mehr sind keine Seltenheit. Die bringen zwar Vorteile, weil sich Kollegen und Kolleginnen schnell über den Schreibtisch hinweg verständigen können. Allerdings sind viele Beschäftigte unzufrieden. Lärm ist zu einem der größten Belastungsfaktoren geworden. Auf eine Kurzformel gebracht: Je größer der Raum, desto höher der Krankenstand und häufiger sind die Gesundheitsbeschwerden der Beschäftigten. Das hat die repräsentative Schweizerische Befragung in Büros aus dem Jahr 2010 ergeben.

Neue Arbeitsformen – neue Gesundheitsbeschwerden

Mit den neuen Arbeitsformen ändern sich auch die Belastungen für die Beschäftigten. Die Arbeitswissenschaft ging zwar lange davon aus, dass neue Formen der Wissensarbeit aufgrund von Kooperationsmöglichkeiten, hohem Anregungsgrad und vielen Freiheiten auch über längere Dauer hinweg gesundheits- und lernförderlich sein müssten. Zunehmend mehr Studien weisen jedoch darauf hin, dass dies keineswegs so sein muss. Gerade dort, wo Beschäftigte in wechselnden Projekten eingesetzt sind, Arbeit direkt beim Kunden erledigen und sich Leistung primär an Profitabilität bemisst, nehmen Stress und Burnout rapide zu. Gesundheitsbeschwerden sind beispielsweise in der IT-Arbeit weit verbreitet, hier haben sich Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren sehr stark verändert. Auch für die Finanzbranche und die öffentliche Verwaltung trifft das zu.

Beispiel IT-Branche: Folgen der Veränderung der Arbeitsbedingungen

  • Jeder dritte der befragten IT-Fachkräfte weist akute Anzeichen chronischer Erschöpfung auf.
  • Nur jeder Vierte kann nach der Arbeit problemlos abschalten.
  • Nur etwas mehr als ein Drittel glaubt, dass die Arbeit auf Dauer durchgehalten werden kann.

Quelle: Ergebnisse des Teilprojekts aus dem BMBF-geförderten Forschungsvorhaben DIWA-IT (Demografischer Wandel und Prävention in der IT-Industrie)

Psychische Belastungen in Bürobranchen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Das zeigen mehrere Untersuchungen. Auch der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von 2012 bestätigte noch einmal, dass es vor allem solche Arbeitsmerkmale sind, die Beschäftigten zu schaffen machen: verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen, starker Termin- und Leistungsdruck sowie Störungen und Unterbrechungen und sehr schnell arbeiten müssen.

Hinzu kommen überlange Arbeitszeiten. Fast die Hälfte der Beschäftigten mit Vollzeitvertrag arbeiten tatsächlich mehr als 40, rund ein Sechstel sogar mehr als 48 Stunden pro Woche. „Da überrascht es dann auch nicht, dass es mehr als 40 Prozent der Befragten nach eigener Aussage nie oder nur manchmal gelingt, bei der Arbeitszeitplanung auf familiäre oder private Interessen Rücksicht zu nehmen“, heißt es im Fazit des Stressreports 2012 .

Aber auch körperliche Anforderungen nehmen zu. Stundenlanges Autofahren oder Arbeiten im Auto und in der Bahn mit dem Notebook auf den Knien bringen neue körperliche Belastungen mit sich. 

Die typischen Belastungen der Bildschirmarbeit verstärken sich durch neue Arbeitsformen und Bürokonzepte wenn nicht zielgerichtet Gesundheitsschutz betrieben wird. Dauersitzen in Anspannung, dauerndes Starren auf den Bildschirm, eine gekrümmte Haltung und pausenloses Tippen kombiniert mit Hektik und Stress – all das kann Muskel-Skelett-Beschwerden nach sich ziehen, wie Schmerzen im Unterarm oder Handbereich oder Rücken- und Nackenschmerzen. Auch über Augenbeschwerden und Kopfschmerzen wird oft geklagt. Ein Drittel der Beschäftigten hat Probleme mit den Augen.

Prävention für gesunde Arbeit

Belastungen aus typischer Bildschirmarbeit und Folgen von Stress lassen sich jedoch mindern. Gesetzlicher Auftrag für den Arbeitgeber ist es beispielsweise, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, wozu die ergonomischen Bedingungen und auch psychische Gefährdungen gehören. Und es wird auch Aufgabe von Beschäftigten sein, nicht nur ihre Arbeit selbstverantwortlich zu steuern, sondern auch Grenzen zu setzen, auf Pausen zu achten und einer übermäßigen Beanspruchung vorzubeugen. 

 

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Letzte Änderung: 16.7.2013

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