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Arbeit im Büro gesund gestalten

Grundwissen
Grundprinzipien der Gestaltung von Sicherheit und Gesundheitsschutz

Autorin: Regine Rundnagel

Übersicht

  • Gesundheitsschutz muß präventiv in Planungsprozesse einbezogen werden.
  • Gefährdungen sollen vermieden oder möglichst gering gehalten werden.
  • Gefahren sind an der Quelle zu bekämpfen.
  • Kollektive Schutzmaßnahmen sollen Vorrang vor individuellen haben.
  • Technik, Organisation, Soziales, Umwelt und der Mensch müssen einbezogen werden.
  • Bei allen Maßnahmen sollen die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse und der Stand der Technik berücksichtigt werden.
  • Die Wirksamkeit von Maßnahmen muß überprüft und laufend verbessert werden.
  • Betroffene müssen informiert und beteiligt werden.

Grundregeln zum Anpassen

Jeder Betrieb ist anders. Damit die Arbeit und der Arbeits- und Gesundheitsschutz im Betrieb gestaltet werden können, bedarf es richtungsweisender Prinzipien und Regeln. Das Arbeitsschutzgesetz gibt grundlegende und allgemeine Gestaltungsprinzipien vor, um den Verantwortlichen und ihren Beratern eine Handlungsanleitung bei der Planung und Gestaltung von Arbeitsplätzen, Arbeitsabläufen und der weiteren Schutzmaßnahmen zu geben. Sie erleichtern den Aufbau des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Betrieb im Sinne einer Managementaufgabe: geplant, systematisch, zielorientiert und kontrolliert.

Diese Gestaltungsprinzipien lassen sich anhand von Verordnungen, die Vorschriften der Unfallversicherungsträger DGUV Vorschriften (Unfallverhütungsvorschriften) und den Regeln der Technik für die jeweiligen Aufgaben und Arbeitsplätze konkretisieren.

Gestaltungsprinzip 1: präventiv

Das Arbeitsschutzgesetz enthält ein Leitbild des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes, sozusagen eine Grundphilosophie. An erster Stelle steht dabei die Vermeidung von Gesundheitsgefahren, die Prävention bzw. das vorbeugende Handeln.

Prävention ist im ersten Schritt die Verhütung von Gesundheitsbeeinträchtigungen, arbeitsbedingten Erkrankungen und Schädigungen durch eine sichere, gesundheitsgerechte und damit menschengerechte Gestaltung der Arbeit (Primärprävention). Planung und Gestaltung von Arbeitsbedingungen erfordert dazu die Kenntnis der möglichen Gefährdungen durch eine vorausschauende Beurteilung. Prävention hat Vorrang gegenüber der nachträglichen Korrektur von Mängeln. Das spart Kosten. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schätzt den Verlust an Bruttowertschöpfung durch Arbeitsunfähigkeit für das Jahr 2010 auf 68 Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil dieser Ausfalltage geht auf unangemessene Arbeitsbedingungen zurück, was durch gezielte Präventionsmaßnahmen verhindert werden könnte.

Durch ein systematisches und geplantes Vorgehen und die Berücksichtigung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes auf allen Ebenen des Betriebes, bei Führungskräften und Beschäftigten lässt sich Prävention wirksam erreichen.

  • Arbeitsbedingungen müssen so gestalten werden, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit grundsätzlich vermieden wird. Wenn das nicht möglich ist, soll das verbleibende Risiko so gering wie möglich sein. Das liegt in der letztlichen Verantwortung des Arbeitgebers bzw. Unternehmers.
  • Gefahren sind an der Quelle zu bekämpfen. Daraus folgt, dass technische und organisatorische Schutzmaßnahmen Vorrang vor persönlicher Schutzausrüstung haben. Voraussetzung ist hier, dass es grundsätzlich möglich ist, Gefahren an der Quelle zu vermeiden, nicht immer ist das von der Art des Betriebes oder der Aufgabe her möglich.
  • Beschäftigte haben eine Mitwirkungspflicht im Arbeitsschutz, Regeln sind zu beachten, Mängel sind zu melden. Wenn Beschäftigte die Gefährdung kennen, können sie vorbeugend handeln.

Präventiver Arbeits- und Gesundheitsschutz muss auch die demografische Entwicklung, geschlechtsspezifische und kulturelle Aspekte berücksichtigen. Neben der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsaufgaben geht es immer auch um das sichere und gesundheitsgerechte Verhalten bei der Arbeit. Grundsätzlich hat allerdings die Verhältnisprävention und damit die präventive Gestaltung der Arbeitsbedingungen Vorrang vor der Verhaltensprävention, das heißt Vorrang vor Maßnahmen, die allein gesundheitsgerechtes Verhalten im Fokus haben (z.B. Rückenschule). Die Unterweisung verbindet beides, nur mit Kenntnis der möglichen Gesundheitsfolgen können Beschäftigte ihren Teil zur Gesunderhaltung beitragen.

Die Arbeitsmedizinische Vorsorge, eine der Grundaufgaben im betrieblichen Arbeitsschutz stellt die 2. Ebene der Prävention dar (Sekundärprävention), hier geht es darum, mögliche frühzeitig Erkrankungen aufzuspüren und zu ermöglichen, das Ausheilung möglich und weitere Verschlechterung vermieden wird. Allgemeine Präventionsprogramme im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung dienen in der Regel dazu, Beschäftigte zu sensibilisieren und ihr gesundheitsgerechtes Verhalten zu stärken. Krankenkassen habe hier eine gesetzliche Aufgabe, die durch die Regelungen des Präventionsgesetzes von 2015 gestärkt wurden. Das darf kein Ersatz für mangelhafte Arbeitsgestaltung sein.

Gestaltungsprinzip 2: betriebsbezogen

Die Maßnahmen für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz im Betrieb sind umso wirkungsvoller und damit effizienter, umso mehr alle Einflussgrößen der jeweiligen konkreten betrieblichen Umstände berücksichtigt werden. Deshalb fordert das Arbeitsschutzgesetz:

Die erforderlichen Maßnahmen müssen die konkreten Umstände des Arbeitsplatzes, die Art der Tätigkeit, die Arbeitssituation und die Rahmenbedingungen des Betriebes berücksichtigen, die die Gesundheit und Sicherheit beeinflussen.
Gestaltungsprinzip 3: ganzheitlich

Nicht nur die Technik oder die Arbeitsabläufe haben Einfluss auf mögliche Gesundheitsgefahren, sondern auch soziale und psychologische Komponenten. Dazu können zum Beispiel unklare Verantwortungs- und Aufgabenbeschreibungen, mangelhafte Qualifikation der Betroffenen oder schlechtes Betriebsklima gehören.

Die ganzheitliche Sicht auf den Arbeitsplatz setzt voraus, dass körperliche und psychische Gefährdungen und Belastungen bei der Suche nach wirksamen Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden.

Maßnahmen sind mit dem Ziel zu planen, Technik, Arbeitsorganisation, sonstige Arbeitsbedingungen, soziale Beziehungen und den Einfluss der Umwelt auf den Arbeitsplatz sachgerecht zu verknüpfen.

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Bild 1: Grundlegende Ansatzpunkte zur sicheren und gesundheitsgerechten Gestaltung von Arbeitssystemen. (Quelle: Handbuch Arbeitsschutz, Bund-Verlag 2005)

Arbeitssystem als Grundlage des systematischen Handelns

Ein Schritt zur ganzheitlichen Erfassung aller Elemente und Faktoren einer Arbeitssituation oder an einem Arbeitsplatz und ihrer gegenseitigen Beeinflussung ist die Betrachtung der Arbeitssituation als ein Arbeitssystem.

Soll Sicherheit und Gesundheitsschutz in einem Arbeitssystem gewährleistet werden, muss das System in seinen einzelnen Elementen und in seinem gesamten Zusammenwirken entsprechend gestaltet werden.

Die Erfassung des konkreten Arbeitssystems dient der Vorbereitung und der Systematisierung der Gefährdungsbeurteilung. Diese kann, je nach Bedarf, ablauforientiert sein und Arbeitsaufgabe und Arbeitsabläufe in den Mittelpunkt stellen. Sie kann auch objektorientiert sein und einzelne Elemente des Arbeitssystems betrachten, z.B. Möblierung oder Transporthilfen. Ansatzpunkte zur Gestaltung sind grundsätzlich immer die Technik/Raum, die Menschen und die Organisation.


 Arbeitssystem

Bild 2: Arbeitssystem
Gestaltungsprinzip 4: aktuell

Die Entwicklung von Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutzes ist kein einmaliger Akt. Neue technische Geräte, neue Arbeitsmethoden und Stoffe, neue Erkenntnisse der Arbeitsmedizin machen eine Anpassung von Schutzmaßnahmen ständig notwendig.

Gestaltungsprinzip 5: Kontinuierlicher Prozeß

Auch die Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes müssen einer Überprüfung auf Wirksamkeit standhalten. Das Arbeitsschutzgesetz fordert einen kontinuierlichen Qualitätssicherungsprozeß.

  • Die getroffenen Schutzmaßnahmen müssen auf ihre Wirksamkeit überprüft werden und erforderlichenfalls den geänderten Gegebenheiten angepaßt werden.
  • Eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz ist anzustreben.

In sieben grundsätzlichen Schritten sollte der betriebliche Arbeits- und Gesundheitsschutz als ein kontinuierlicher Verbesserungsprozeß aufgebaut werden und dabei die Betroffenen miteinbezogen werden:

handlungszyklus

Bild 3: Handlungskreislauf. Systematische Schritte im Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Gestaltungsprinzip 6: beteiligungsorientiert

Ohne das aktive Mitwirken und ein Stück Eigenverantwortung geht es nicht. Deshalb betont das Arbeitsschutzgesetz die Unterweisung der Beschäftigten. Sie haben die Pflicht, den Anweisungen zu folgen und den Arbeitgeber beim Gesundheitsschutz zu unterstützen. Sie haben das Recht auf Information und dürfen Vorschläge zur Verbesserung machen.

Beteiligung bzw. Partizipation im Arbeitsschutz fördert Mitdenken, präventives Handeln und Aktzeptanz.

  • Der Arbeitgeber hat ausreichend und angemessen zu unterweisen.
  • Beschäftigte sind berechtigt dem Arbeitgeber Vorschläge zu allen Fragen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes zu machen.
  • Besonders schutzbedürftige Personengruppen, wie Schwangere oder Leistungsgeminderte müssen bei der Gestaltung von Schutzmaßnahmen ebenfalls berücksichtigt werden.

Der Servicebereich

Rechtsquellen und Normen

Europäische Richtlinien
  • RICHTLINIE DES RATES vom 12. Juni 1989 über die Durchführung von Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Arbeitnehmer bei der Arbeit (89/391/EWG), Auszug aus der amtlichen Begründung:

    "Die Verbesserung von Sicherheit, Arbeitshygiene und Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz stellen Zielsetzungen dar, die keinen rein wirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet werden dürfen."
Gesetze und Verordnungen
  •  Arbeitsschutzgesetz (ArbschG)
    • § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers
    • § 4 Allgemeine Grundsätze
    • § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen
    • § 12 Unterweisung
    • § 15 Pflichten der Beschäftigten
    • § 17 Rechte der Beschäftigten 
  • Präventionsgesetz/Sozialgesetzbuch V
    • § 20 b Betriebliche Gesundheitsförderung
DGVU Vorschriften, Regeln und Informationen

Letzte Änderung: 6.2.2017

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Rechtsquellen
  • Arbeitsschutzgesetz
    § 4


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Literaturtipp
  • Pieper/Klußmann/Lang (Hrsg.):
    Handbuch Arbeitsschutz und Arbeitsgestaltung
    Frankfurt am Main (Bund-Verlag), 1. Auflage 2016
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung DGUV (Hrsg.):
    "Berechnung des internationalen 'Return on Prevention' für Unternehmen: Kosten und Nutzen von Investitionen in den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz"
    DGUV Report 1/2013
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