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Expertenwissen
Beurteilung der Software-Ergonomie anhand des ISONORM-Fragebogens

Autor: Lothar Bräutigam

Übersicht

  • Experten schätzen, daß 80 Prozent der in Deutschland benutzten Software nicht den Vorgaben der Bildschirmarbeitsverordnung zur Software-Ergonomie entspricht.
  • Es gibt derzeit keine allgemein anerkannte Methodik zur Prüfung der Software-Ergonomie, aber ein Reihe von Verfahren.
  • Der Fragebogen ISONORM 9241/10 eignet sich zur Beurteilung bereits eingesetzter Software ebenso wie zur Beurteilung von Prototypen beim iterativen Systemdesign.
  • Der Fragebogen liefert erste Hinweise auf ergonomische Schwachstellen von Softwaresystemen. Er sollte im Zusammenhang mit beteiligungsorientierten, moderierten Workshops oder Benutzergruppen eingesetzt werden.
  • Der Fragebogen ist leicht verständlich und kann ohne vorbereitende Schulung verwandt werden. Die Beantwortung der Fragen und die Auswertung erfordern nur geringen Zeitaufwand.

Wie kann Software-Ergonomie geprüft werden?

Wachsende Bedeutung der Software-Ergonomie

Der Anteil der Bildschirmarbeit im Arbeitsleben steigt beständig an. Damit kommt nicht nur der ergonomischen Gestaltung von Arbeitsplatz und Hardware, sondern auch der Software-Ergonomie eine wachsende Bedeutung zu. Ist die Software benutzungsfreundlich gestaltet, entstehen geringere psychische Belastungen für den Benutzer/-in, und dies wirkt sich positiv auf die Effektivität und Effizienz der Software-Nutzung aus.

Dieser gestiegenen Relevanz trägt auch die Bildschirmarbeitsverordnung (BildschArbV) Rechnung, die in ihrem Anhang (Nr. 20-22) Grundsätze der Software-Ergonomie darlegt. Die Erfüllung dieser Anforderungen ist seit Ende 1996 für neu eingeführten Programme und ab 1.1.2000 generell für alle Programme bindende Gesetzesvorschrift.

Ähnlich wie in der BildschArbV, aber etwas präziser sind die Grundsätze der ergonomischen Gestaltung von Software in der Norm DIN EN ISO 9241 Teil 110  "Grundsätze der Dialoggestaltung" formuliert.

80 Prozent der Software erfüllt nicht die Anforderungen

Trotz der praktischen wie auch jetzt der rechtlichen Relevanz der Software-Ergonomie weisen ExpertInnen darauf hin, daß mehr als 80 Prozent der im Einsatz befindlichen Software in Deutschland nicht den Anforderungen entspricht. Dies gelte auch für die Standard-Software der großen Hersteller, besonders aber für die Fachanwendungen kleiner und mittelständischer Softwareproduzenten.

Die Frage nach dem Prüfverfahren   

Aus Sicht von Käufern wie Anwendern von Software stellt sich somit die Frage, wie die software-ergonomische Qualität zuverlässig geprüft werden kann, wenn

  • neue Software beschafft oder selbst entwickelt wird oder
  • bereits im Einsatz befindliche Software im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung getestet werden soll.

Allerdings gibt es bis heute keine allgemein anerkannte Methodik für eine Software-Ergonomie Prüfung. Die Norm (wie auch die BildschArbV) stellt zwar rundsätze der Dialoggestalung zur Verfügung. Nur sind diese Grundsätze so allgemein formuliert, daß sie nicht als Prüfkriterien in Betracht kommen. Die Höhe eines Arbeitstisches läßt sich leicht feststellen, aber wie überprüft man die Aufgabenangemessenheit eines Personalverwaltungsprogramms?

Anforderungen an ein Prüfverfahren

 
Dieses Dilemma ist auch auf Seiten der Wissenschaft noch ungelöst. Zwar bieten Wissenschaft und auch Beratungsinstitutionen eine Reihe von Verfahren an. Nur: Wodurch zeichnet sich ein geeignetes Prüfverfahren aus?

Im weiteren wird mit dem Fragebogen ISONORM 9241/10 ein Instrument zur Prüfung der ergonomischen Qualität von Software vorgestellt, das die folgenden Mindestanforderungen erfüllt:

      • zuverlässig,
      • in der Praxis abgesichert,
      • praktisch einsetzbar (hinsichtlich Aufwand und Verständlichkeit).

      Ein konkretes Verfahren: Der Fragebogen ISONORM 9241/10

      Einsatzmöglichkeiten   

      Der Fragebogen ISONORM 9241/10 (benannt nach der alten Bezeichnung des Normteils "Grundsätze der Dialoggestaltung", des Teils 10 - heute Teil 110) eignet sich zur Beurteilung bereits eingesetzter Software ebenso wie zur Beurteilung von Prototypen beim iterativen Systemdesign. Er wird von den Anwendern der Software, nicht von besonders ausgebildeten Ergonomiespezialisten ausgefüllt. Er ist auch Teil der Arbeitsplatz- Analyseverfahren ABETO und SANUS (hier unter dem Namen QS 2).

      Der ISONORM-Fragebogen kann zur Bewertung der verschiedensten Softwaresysteme eingesetzt werden: für zeichenorientierte ebenso wie für moderne grafische Oberflächen mit Mausbedienung, für Bürokommunikations- und für Buchhaltungsprogramme oder Software anderer Einsatzzwecke.

      Der Bezug zur Norm ISO 9241/110 (früher Teil 10)

      Der Fragebogen lehnt sich - wie schon sein Name besagt - eng an die Software-Ergonomie-Norm DIN EN ISO 9241 Teil 110 an. Jeder der sieben Gestaltungsgrundsätze wurde in fünf Einzelfragen "übersetzt". Er besteht somit aus ingesamt 35 Fragen. Für die Antwort wird jeweils ein siebenstufiges Bewertungsschema verwandt, von sehr negativ ("---") bis sehr positiv (""). Zum Ausfüllen benötigt man ca. 20 Minuten.

      Die Fragen sind relativ allgemein und leicht verständlich und können somit auch ohne vorbereitende Schulung beantwortet werden.

      Beispiel: Auszug aus ISONORM 9241/10, zwei Fragen bzgl. des Grundsatzes "Aufgabenangemessenheit":

      Aufgabenangemessenheit

      Unterstützt die Software die Erledigung Ihrer Arbeitsaufgaben, ohne Sie als Benutzer unnötig zu belasten?

      Die Software... --- -- - -/+ + ++ +++
      ist kompliziert zu bedienen.

        

      ist unkompliziert
      zu bedienen.
      bietet nicht alle Funktionen,
      um die anfallenden Aufgaben um effizient zu bewältigen.

      bietet alle Funktionen, 
      die anfallenden Aufgaben effizient zu bewältigen.

       

      Die Auswertung

      Der ISONORM-Fragebogen sollte von allen BenutzerInnen einer Software oder einer repräsentativen Auswahl bearbeitet werden. Handelt es sich um ein komplexes Softwaresystem, das aus verschiedenen Modulen besteht oder von Anwendern verschiedener Arbeitsaufgaben genutzt wird, dann sollte jeder nur den Teil beurteilen, den er für seine Arbeitsaufgabe benötigt. Die Auswertung ist dann getrennt für die einzelnen Module bzw. Softwareteile vorzunehmen.

      Für die Auswertung von ISONORM 9241/10 wird für jede Frage der Mittelwert aller Antworten berechnet. Die Ergebnisse lassen sich auch pro Gestaltungsgrundsatz zusammenfassen und kompakt visualisieren, wie die folgende Grafik zeigt.

      Bild 1: Beispiel einer grafischen Darstellung der Ergebnisse zweier Abteilungen
      Aussagekraft der Ergebnisse

      Der Fragebogen liefert erste Hinweise auf ergonomische Schwachstellen von Softwaresystemen. Konkrete Hinweise, wo Mängel vorliegen und wie diese behoben werden können, sind aufgrund der allgemeinen Frageformulierungen nicht zu gewinnen.

      Einbettung in ein umfassendes Verfahren

      Um aussagekräftige Ergebnisse, insbesondere Verbesserungsvorschläge zu erhalten, muß der Fragebogen in ein umfassendes Verfahren eingebettet oder mit weiteren Instrumenten kombiniert werden. Er eignet sich besonders für den Einsatz im Zusammenhang mit beteiligungsorientierten, moderierten Workshops oder Benutzergruppen.

      Vertiefung

      Einsatz des ISONORM-Fragebogens kann in einem beteiligungsorientierten Verfahren erfolgen. Hierbei werden die Benutzer und Beutzerinnen in Workshops aktiv mit einbezogen.

      Online-Fragebogen

      Der ISONORM-Fragebogen liegt auch als Online-Version zur Verwendung z.B. im firmeneigenen Intranet vor. Parallel zur Software-Nutzung kann die Beurteilung ihrer Benutzungsfreundlichkeit mit dem Online-Fragebogen am Bildschirm erfolgen. Dieses Verfahren eignet sich insbesondere für die Bewertung von Internet- und Intranet-Anwendungen.

      Bei einem durchgeführten Vergleich der Papierversion des Fragebogens mit der Online-Version konnten keine nennenswerten Abweichungen bei den erzielten Ergebnissen festgestellt werden. Voraussetzung: Die Testpersonen verfügen normalerweise über ausreichende Erfahrung in der Webnutzung. [Richter, M.: Online-Befragung als neues Instrument zur Beurteilung der Benutzerfreundlichkeit interaktiver Software. Universität Zürich, 1998] 

      Der Servicebereich

      Rechtsquellen und Normen

      Gesetze und Verordnungen
      • Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV), Anhang, Nr. 20 - 22
      Berufsgenossenschaftliche Vorschriften, Regeln und Informationen
      • Berufsgenossenschaftliche Information BGI 852-2: Management und Software. Arbeitshilfen zur Erhöhung der Nutzungsqualität von Software im Arbeitssystem. Verwaltungs-Berufsgenossenschaft 2005
      Normen
      • DIN EN ISO 9241: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion
        • Teil 110: Grundsätze der Dialoggestaltung

      Der Fragebogen

      Der Fragebogen ISONORM 9241/10 - Online-Version 

      Download als Word-Dokument:  zur Download-Area

      Autor

      Prof. Dr. Jochen Prümper
      FHTW Berlin, Fachgebiet Wirtschaftspsychologie
      Treskowallee 8, 10313  Berlin
      eMail: j.pruemper@fhtw-berlin.de

      Michael Richter  (für den Online-Fragebogen)
      http://www.intuitive.ch/richter/

      Literatur 

      Zum Vertiefen:

      Peter Martin, Jochen Prümper, Gerd von Harten:
      Ergonomie-Prüfer zur Beurteilung von Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen (ABETO).
      Frankfurt/Main (Bund-Verlag) 2008

      Jochen Prümper, Gerd von Harten:
      Software-Ergonomie - ergonomisch gestaltet und geprüft.
      in: Computer und Arbeit 8-9/2007, AIB-Verlag www.aib-verlag.de
      verfügbar als  download   (244 kB)

      Prümper, J. :
      Der Benutzungsfragebogen ISONORM 9241/10: Ergebnisse Zur Reliabilität und Validität
      in: R. Liskowsky u.a. (Hg.): Software-Ergonomie '97, Stuttgart 1997

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      Letzte Änderung: 9.10.2008

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      Literaturtipp
      • Ergonomie-Prüfer.
        Bund-Verlag 2008

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      • Prümper, von Harten:
        Software-Ergonomie - ergonomisch gestaltet und geprüft.

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